Die Schule war beendet. Anna ging durch die Tür des Klassenzimmers, heilfroh, dass sie nicht mehr tagtäglich in diesen Raum musste. Sie hasste den Unterricht nicht, es waren eher die Schüler, die ihr keine schönen Erinnerungen an die Schulzeit ließen. Mal abgesehen davon, dass ihr ein Klassenkamerad fast jeden Tag sein nacktes Hinterteil vor die Nase hielt, waren da auch noch die ‚beliebten‘ Mädchen, die ständig hinter ihrem Rücken über sie herzogen. Sie versuchte sich ständig einzureden, dass sie nur neidisch wären, aber es verschlechterte ihre Laune dennoch. Anna war für ihre Siebzehn Jahre mittelgroß, hatte braunes lang gewelltes Haar und haselnussfarbene Augen. Meistens trug sie die Haare offen. Sie hasste es sich einen Zopf zu machen. Anna war die totale Außenseiterin. Selbst zu den eigentlichen Außenseitern konnte sie keinen Draht aufbauen. Sie lebte in ihrer eigenen Welt. Niemand hörte ihre Musik, niemand mochte die Filme, die sie toll fand und niemand verstand auch nur Ansatzweise, wovon sie immer redete (Sie zitiert nämlich gerne aus den Filmen, die sie gesehen hat). Vielleicht war das der Grund, warum sie von Niemandem ernst genommen wurde. Das war mir jetzt egal, dachte sie, denn nun war die Schule vorüber. Sie musste sich nicht mehr jeden Tag von ihrer Klasse verspotten lassen. Das erfreute sie.
Als sie zu Hause ankam, fühlte sie sich befreit. Ihre Mutter war nicht da und sie konnte für sich sein. Sie ging in ihr Zimmer und schaltete ihre Anlage an. Aus ihr dröhnte Annas Lieblingsband Blue Ocean und sie drehte sie voll auf. Die Musik, war das einzige, was ihre Laune wieder in die Höhe trieb. Ohne Musik konnte sie gar nicht leben. Sie brauchte Musik um wach zu werden, um einzuschlafen, wenn sie unterwegs war, zum Lernen, einfach für alles. Wenn sie mal schlecht gelaunt war, baute ihre Lieblingsmusik sie immer auf. Ganz oft wünschte sie sich in bestimmten Situationen Hintergrund Musik, damit es die Szene, wie in einem Film, untermalte und dem Ganzen die richtige Stimmung gab. Sie tanzte gerade durch den Raum, als die Tür unten aufging. Schnell drehte sie die Musik wieder leiser und rannte die Treppe hinunter. Ihr fiel ein, dass sie kochen sollte, sobald sie nach Hause kam. „Hallo Mama!“, rief Anna, als ihre Mutter gerade ins Wohnzimmer kam. „Hast du gekocht?“, fragte sie gleich. „Äh, ich bin gerade erst nach Hause gekommen.“, bemerkte Anna und tat so als wäre sie nicht schon seit einer knappen halben Stunde hier. „Hier ist ein Brief von deiner neuen Schule für dich.“, sagte ihre Mutter und drückte ihr den Brief in die Hand. Anna hatte sich für die Fachoberschule für Medien und Gestaltung angemeldet. Eine Zusage hatte sie bereits, daher glaubte sie, dass es bestimmt nur eine Mitteilung war, wann sie wo sein musste und was sie alles mitzubringen hatte. Sie wollte den Brief überfliegen, da sie gerade keine Lust auf Schulkram hatte, blieb aber an den ersten Zeilen hängen. Ihr stockte der Atem. „Mama, die schicken mir eine Absage.“ Sie blickte ihre Mutter zerstreut an. „Deine Schule? Warum das denn?“ Ihre Mutter kam zu ihr herüber und nahm ihr den Brief aus der Hand und las die ersten Zeilen. „Weil du eine vier in den Hauptfächern zu viel hast? Aber das kann die Schule doch nicht machen. Sie haben dir doch schon zugesagt. Wo sollen wir denn so schnell was Neues für dich finden?“ Ihre Stimme klang empört, als sie wieder zurück in die Küche ging. Sie nahm das Telefon in die Hand. „Ich rufe da mal an. So geht das nicht.“ Anna setzte sich auf das Sofa und hörte dem Telefonat nicht zu. Sie wusste schon, dass sie keine Chance mehr hatte, in die Schule aufgenommen zu werden. Sie fühlte sich bedrückt. Nicht nur, weil sie momentan keine Perspektiven mehr hatte. Medienarbeit war das Einzige, was sie in ihrem Leben interessierte und in ihrer Umgebung gab es weder eine andere Schule, auf die sie hätte gehen können, noch einen Betrieb, bei dem sie eine Ausbildung hätte starten können. In der neunten Klasse hatte sie ein Praktikum bei einem öffentlich rechtlichen Fernsehsender absolviert. Damals war es für Anna ein Stück aus ihrer Traumwelt, der Wirklichkeit wurde. Während des Praktikums konnte sie nicht nur Erfahrungen im Bereich Medien sammeln, für sie war es ein Ort, an dem sie sich heimisch fühlte. Sie wusste, es gibt nichts was sie mehr will als in der Medienbranche zu arbeiten. Die Schule für Medien und Gestaltung war das einzige, was halbwegs für sie interessant war. Danach hätte sie irgendwo weit weg von zu Hause studieren gehen können. Vielleicht sogar tatsächlich im Ausland, dachte Anna. Doch der Traum wurde mit einem Mal vernichtet. Sie musste sich umorientieren doch das wollte sie nicht. Als ihre Mutter den Hörer auflegte, sagte sie zu Anna, dass die Schule nicht mit sich reden ließe. Und dann fing ihre Mutter an Alternativen zu planen. Sie redete von einer einjährigen Schule für Wirtschaft und Verwaltung und anschließend sollte Anna sich für einen Ausbildungsplatz bewerben. Doch das waren nicht die Alternativen, die sie interessierten. Ich hab genug von Schulen! Ich will raus hier aus dem ganzen Chaos. Ich mag mein Leben nicht mehr. Ich mag diese eintönige, langweilige Stadt mit den wenig interessanten Menschen nicht mehr. Anna Prince wuchs in einem kleinen Dorf namens Weinberg auf. Hier lebten gerade mal fünfhundert Einwohner. Jeder kannte jeden und jeder wusste über den anderen Bescheid. Facebook und andere soziale Medien waren hier eher überflüssig. Die Menschen aus Weinberg waren einfach gestrickt. Man achtete hier eher auf einen gepflegten Garten, mit einer Rasenhöhe von 3 cm und einem stets frisch gestrichenen Zaun, als auf künstlerische Kreativität und Freigeist. Wenn irgendwo mal eine Katze von einem Baum nicht wieder herunter kam, wussten alle gleich Bescheid. In Weinberg gab es einen kleinen Supermarkt, der mit dem Nötigsten bestückt war. Außerdem besaß das Dorf ein Restaurant mit einer Kneipe. Hier traf sich allerdings nur die ältere Generation. Für Jugendliche gab es außer Parkplätzen und der einzigen Bushaltestelle keinen Ort für ein gemütliches Beisammensein. Etwa zwanzig Kilometer weiter lag eine größere Stadt, Namens Breitenstadt. Allerdings wäre groß auch schon wieder etwas übertrieben. Gerade Mal ein hunderttausend Menschen lebten hier. Auch hier gab es wenig zu erleben. Ein Kino, ein paar spärlich eingerichtete Bars und eine Disco, die Charts rauf und runter spielten, ließ die Stadt wenig interessant wirken. Für die mediale Kreativität wurde auch hier wenig gesorgt. Außer der Schule für Medien und einem kleinen öffentlichen TV-Sender hatte die Stadt nicht viel zu bieten. Anna lebte schon immer in Weinberg. Ihre Mutter hatte nie besonders viel Geld und so konnten sie selten in den Urlaub fahren. Nur einmal waren sie an der Ostsee aber da war es genauso langweilig wie zu Hause. In der Schule hatte Anna keine Freunde. Ihre beste Freundin, die Anna seit ihrer Kindheit kannte, war vor einem Jahr nach München gezogen. Sie sahen sich nur noch selten. Hier gab es nichts, was mich hielt. Ich wollte etwas völlig neues wagen. Nur was? Anna überlegte. Aus ihrem Zimmer dröhnte noch immer die Musik von Blue Ocean. Wenn ich mit dieser Band zusammenarbeiten könnte, dachte sie. Anna stand auf und ging wieder in ihr Zimmer. „Wo willst du hin?“, rief ihre Mutter ihr zu. „Ich muss was raus suchen. Das ist wichtig.“, doch sie hörte Anna kaum noch.
Oben angekommen schloss Anna die Tür hinter sich und setzte sich an ihren Laptop. ‚Internship at Capitol Records‘ gab sie in die Google Suchmaschine ein. Der erste Treffer brachte sie auf die Seite von Entertainment Careers. Dort fand sie eine Stelle als Praktikantin bei Capitol Records in Kalifornien als mediale Assistentin. In der Annonce stand, dass es ein unbezahltes Praktikum sei und dies nur für College Studenten geeignet sei. Mist, dachte sie. Es wäre auch zu schön, wenn das geklappt hätte. Unten auf der Seite fand sie ein Kontaktformular. Anna überlegte. Und wenn ich einfach mal eine Mail an Capitol Records schicke? Mehr als eine Absage kann ich gar nicht bekommen. Sie füllte die oberen Zeilen mit ihren persönlichen Daten aus und fing dann an die Nachricht zu verfassen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist Anna Prince Peters. Ich bin 17 Jahre alt und komme aus Deutschland, in der Nähe von Frankfurt. Ich habe eine ältere Schwester von 20 Jahren. Ich lebe zurzeit bei meinen Eltern. Vor kurzem habe ich meine Schule beendet und bin gerade auf der Suche nach einem Jahres-Praktikum. Da ich sehr an Medien- und Designarbeit interessiert bin, habe ich mir gedacht, ein Praktikum in einem Musiklabel, wäre genau das richtige für mich. Ich möchte gerne möglichst viel über die mediale Arbeit im Musikbereich kennenlernen. Ebenso finde ich es sehr interessant, zu sehen wie Musik entsteht. Vom ersten Song schreiben, bis hin zu Vermarktung des kompletten Albums. Musik hat in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Ich habe schon sehr früh mit Musikunterricht gestartet. Aktuell spiele ich Klavier und Geige. Letzteres hauptsächlich, weil mir das Zusammenspiel zwischen fetzigem Punkrock und melodischer Violine, wie in dem Beispiel von ihrer Band Blue Ocean sehr gefällt. In meiner Schulzeit habe ich ein Praktikum bei einem freien TV-Sender gemacht und konnte so bereits Erfahrungen im Umgang mit Medien machen. Ich bin keine College Studentin und auch nicht aus Amerika. Trotzdem wäre ich bereit, für das Praktikum in die USA zu reisen und zu leben. In einigen ihrer Ausschreibungen stand, dass die Praktika unbezahlt seien. Dies wäre insofern uninteressant, wenn es möglich wäre, mir eine Unterkunft zu organisieren. Ich bin auch bereit bei einer Gastfamilie unterzukommen. Für das Praktikum hätte ich ab sofort Zeit.
Auf eine positive Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.
Freundliche Grüße
Anna Prince Peters
Sie las es noch einmal durch und drückte dann auf ’senden‘. Vielleicht sollte ich vorher meine Eltern fragen, ob ich überhaupt für ein Jahr im Ausland leben darf, dachte sie. Ach daraus wird sowieso nichts. Und so ging sie wieder zu ihrer Mutter in die Küche. Inzwischen hatte sie das Essen fertig und trug gerade das Geschirr auf den Tisch. „Wo warst du so lange?“, fragte sie vorwurfsvoll. „Ich musste dringend eine Mail schreiben.“, entgegnete Anna ihr. Sie setzten sich an den Tisch und begannen zu essen. „Mach dir jetzt keinen Kopf, Anna. Wir finden schon etwas, wo du das Jahr über hin kannst. Ich telefoniere morgen mal mit den Schulen und frage ob irgendwo noch Plätze frei sind. Dann schicken wir sofort Bewerbungen an Firmen ab, damit du nächstes Jahr einen Ausbildungsplatz hast.“ Anna antwortete nicht. Grundsätzlich hatte sie keine Lust über das Thema zu reden. Mein Leben ist so ungerecht. Nur ganz selten hatte ich bisher die Gelegenheit mein Talent einsetzten zu können. Sie dachte darüber nach, dass die Mail, die sie versendet hatte, eine total bescheuerte Idee war. Wahrscheinlich landet sie bei denen im Spam Ordner und wird gar nicht erst aufgemacht. Wie konnte ich glauben, dass ich, Anna Prince aus Weinberg auch nur ansatzweise eine Chance hätte. Das war mal wieder typisch für mich, den Kopf in den Wolken. Nach dem Essen ging sie wieder hoch in ihr Zimmer und drehte erneut Blue Ocean auf. Sie setzte sich auf ihr Sofa und träumte vom Praktikum.