Breakaway – Kapitel 2

Das Telefon klingelte. Anna rannte die Treppe herunter. „Das ist für mich.“, rief sie ihrer Mutter zu. Sie nahm den Hörer in die Hand. „Anna Prince Peters, Hallo. … Oh du bist es nur. Ich gebe dich weiter. Mom, dein ‚Liebhaber‘ ist am Telefon.“ Sie gab ihrer Mutter das Telefon und ging wieder zurück in ihr Zimmer. Anna lebte mit ihrer Mutter allein. Ihr Vater war verschwunden als sie noch ein kleines Kind war, daher konnte sie sich nicht an ihn erinnern. Annas Mutter Linda hatte lange gebraucht, bis sie sich wieder auf Jemanden einlassen konnte. Noch länger hatte es gedauert, bis sie diesen Jemand Anna vorstellte. Dieser Jemand war Mario, ein großer, schlaksiger Typ mit hell braunen, kurz geschnittenen Haaren und dunkelblauen Augen. Meistens trug er einen Schnauzbart. Er fand immer, dass würde seine vollen Lippen betonen. Mario arbeitete als Angestellter in einer Papierfabrik, somit trug er stets Hemden mit einer Jeans und einem Jackett. Ab und zu auch mal ein Anzug. Anna mochte Mario nicht, da er stets versuchte sich in ihr Leben einzumischen und es zu kontrollieren, wenn ihre Mutter nicht in da war. Und sie war oft unterwegs. Sie arbeitete als Vertreterin für Kosmetik und war oft durch Tagungen und Workshops mehrere Tage von zu Hause weg. Dann übernahm Mario die Rolle des Erziehers. Er verbot ihr abends lange weg zu bleiben. Sie musste immer schon um Sieben Uhr zu Hause sein und um Neun Uhr im Bett liegen. Er schaute jede halbe Stunde nach ob sie auch wirklich schlief. Und wenn er sie beim heimlichen Lesen unter der Bettdecke erwischte, gab er ihr sofort Hausarrest, bis ihre Mutter wiederkam. Er zwang sie auch immer Dokumentationen über Papier mit ihm zu schauen. „Du wirst später mal in der Papierfabrik arbeiten. Da verdienst du dann genügend Geld, um dir ein schönes Leben aufbauen zu können. Deswegen ist es gut, wenn du jetzt schon verstehst worum es in der Fabrik geht.“, hatte Mario ihr dann immer gesagt. Doch für sie war das nichts. Im Gegenteil. Die Fabrik wäre der letzte Arbeitsplatz, auf den sie sich bewerben würde. Ihre Mutter und er lebten schon sehr lange zusammen und so wurde das Leben in Weinberg für Anna noch unerträglicher. Es ging sogar so weit, dass ihre Mutter die Meinung von Mario übernahm. „Du sollst es einmal besser haben als ich.“, hatte sie neulich gesagt, nachdem Mario gesagt hatte sie solle sich in der Papierfabrik für einen Ausbildungsplatz bewerben. Sie würde vor allem auch eine sichere Zukunft haben, fügte ihre Mutter hinzu. Anna war deswegen so wütend, dass sie nicht mehr mit Mario reden wollte. Sie versuchte jeden Kontakt zu vermeiden, was ihr im Moment nicht sonderlich schwerfiel, da Mario auf Dienstreise war. Ein Telefonat mit ihm hätte noch gefehlt. Aber sie wartete auf einen Anruf von ihrer besten Freundin aus München. Sie hatte ihr nämlich etwas super Wichtiges zu ihrer Mail für das Praktikum bei Capitol Records zu berichten. Also rannte sie bei jedem Klingeln aus dem Zimmer.
Nach einer halben Stunde klingelte das Telefon erneut. Anna rannte abermals aus ihrem Zimmer, doch ihre Mutter war diesmal schneller und schaute sie nur verdutzt an. „Prince, Hallo.“, sprach sie in den Hörer. „Ja, sie steht schon neben mir.“ Anna nahm ihrer Mutter das Telefon aus der Hand und bevor Sie noch sagen konnte, wer am Telefon ist, sagte Anna bereits: „Hi Lena. Endlich rufst du an. Was gibt’s? … Ich soll was machen? … Warte kurz.“ Sie rannte in ihr Zimmer zurück und setzte sich vor ihren Laptop. Sie öffnete die Internetseite von Capitol Records. Es dauerte eine Weile bis die Seite vollständig geladen war. Anna traute ihren Augen nicht. Auf der Homepage war ein großer Flyer für ein Gewinnspiel abgebildet. Zu gewinnen gab es ein einjähriges Praktikum in der Firma. Sie würden die Reisekosten und die Unterkunft bezahlen. Man müsse nur ein Cover für das neue Album der Band Blue Ocean erstellen und es mit einem ausgefüllten Formular an eine E-Mail-Adresse schicken, die unten rechts auf dem Flyer abgebildet war. „Das gibt’s nicht.“, sagte Anna zu ihrer Freundin. „Ich muss sofort ein Cover erstellen. Ich habe sogar schon eine Idee. Die schwirrt schon seit längerem in meinem Kopf.“
Ihre Freundin wollte ihr noch was anderes erzählen, aber Anna hatte schon ihr Grafik-Programm geöffnet und war total in ihrer Idee versunken. „Tut mir leid, Lena. Ich bin jetzt nicht mehr aufnahmefähig.“ „Du arbeitest schon an deiner Idee, oder?“, fragte Lena obwohl Sie die Antwort längst kannte. „Ich muss Schluss machen. Ruf dich nächste Woche oder so nochmal an. Danke. Ciao.“ Anna legte auf. „White Sheep, Black Box“ hieß das neue Album von Blue Ocean. Sie erstellte eine Collage mit Fotos, die auf ihrem Laptop waren. Für ein Schulprojekt hatte Sie mal Männer mit Anzügen fotografiert. Anna legte einen schraffierten schwarz-weiß Filter auf das Bild. Einer der Männer hatte einen Aktenkoffer in der Hand. Auf diesen legte sie eine Grafik von einem kleinen weißen Schaf, die sie zuvor erstellt hatte. Außerdem bearbeitete Sie das Bild so, dass es aussieht, als wäre es in vier Teile zerrissen worden. Das war nicht leicht, denn Anna hat so etwas zuvor noch nie erstellt. Sie hatte schon überlegt, ob Sie das Foto ausdruckte, es zerreißt und es dann wieder abfotografierte. Irgendwann kam ihr die Idee, nach einem YouTube Tutorial zu suchen. Das ließ sich zwar schnell finden, allerdings dauerte es sehr lange, bis sie alles so fertig hatte, dass es auch echt aussah.
Es war 3 Uhr nachts, als sie das Cover fertig hatte. Schon so spät, dachte Anna. Noch einmal betrachtete sie ihr fertiges Werk. Zufrieden speicherte sie das Cover als PDF und schickte es mit dem ausgefüllten Formular an die im Flyer angegeben E-Mail-Adresse. Jetzt heißt es abwarten, sagte sie sich und ging ins Bett.

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