15 Kilometer Radius

Und schon wieder ist das Leben und auch das Dating zwischen Single-Menschen eingeschränkt. „Wir können uns zum Spazieren gehen treffen.“ Diesen Satz lese ich bei jedem Online-Date, den ich bereit bin zu treffen. Etwas anderes ist aber auch nicht möglich. Hier in Nürnberg kommt noch hinzu, dass man nicht weiter als 15 Kilometer außerhalb von Nürnberg fahren darf. Freunde besuchen fällt flach. Also gehe ich online und versuche, über diverse Partnerbörsen, Menschen kennenzulernen. Manchmal unterhält man sich einfach nur gut, manchmal entwickeln sich Freundschaften und manchmal noch mehr. Dachte ich. Jedoch werde ich seit meinem Umzug immer wieder eines Besseren belehrt. Ich möchte euch heute von zwei Storys erzählen, die ich seit meinem Umzug im September erlebt habe.

„It’s a match“ schreibt die Dating-App. Ich bin also wieder dran, den ersten Schritt zu machen. Kein Problem. Ich schreibe ihm, dass mir seine Ausstrahlung gefällt, was auch der Wahrheit entspricht. Nach nur einem kurzen Gespräch, fragte er mich, ob wir uns nicht auf einen Spaziergang treffen wollen. Gerne, schreibe ich. Danach ging es nur noch um das „Wann“ und das „Wo“. Schon war das erste Treffen ausgemacht. Wir fanden uns beide sympathisch. Zumindest schrieb er das. Alles andere wollten wir persönlich kennenlernen. Super, dachte ich, scheint erstmal ein netter Typ zu sein. Doch das war – wie so oft – nur der Schein.
Als ich am Tag des Treffens noch mal die Dating App öffnete, war der Chat plötzlich weg. Ich überlegte kurz, ob das nicht vielleicht ein Systemfehler gewesen sein könnte, aber mir war eigentlich schon klar, dass das Match wieder aufgelöst wurde. Von ihm, dem scheinbar sympathischen Menschen. Ich fange an zu lachen, richtig laut. Was für eine gesichtslose, digitale Eierlosigkeit, die einigen Menschen so leicht macht, niemandem mehr ins Gesicht sagen zu müssen, dass man doch kein Interesse hat. Es hat mich noch eine Weile amüsiert.
Mittlerweile habe ich Mitleid mit diesem Menschen. Was muss in seiner Erziehung, durch Eltern oder Gesellschaft schief gelaufen sein, dass er nicht mutig genug sein konnte, um ehrlich zuzugeben, dass er das Interesse verloren hat? Das kann durchaus vorkommen. So what?! Ist uns das nicht allen schon passiert? Ob nach dem ersten Date, nach zwei Jahren oder eben nach den ersten Sätzen, die man miteinander geschrieben hat. Es ist natürlich leicht die andere Person einfach zu „ghosten“ – und in Anbetracht meines Nachnamens auch passend. Doch weit gebracht, hat es ihn nicht, finde ich. Er hätte einen netten Nachmittag haben können, mit einem Kaffee, den ich sogar bezahlt hätte, guten Gesprächen und wer weiß was noch. Aber jetzt hat er gar nichts.

Traurig oder?

Man kann nie wissen, ob der Mensch, den ich auf den Fotos im Profil sehe, der Mensch ist, den ich auf der Straße treffe. Ob er wirklich das süße Lächeln hat oder das Foto nur gut gestellt ist. Es besteht bei einem Treffen immer eine Fifty-Fifty Chance, dass der Mensch auch der ist, der er online vorgibt zu sein. Man kann es nur herausfinden, wenn man sich verabredet und diesen Menschen persönlich kennenlernt. Trifft man sich nicht, kann man mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass der Mensch, den ich möglicherweise sympathisch finde, ein Mysterium bleibt. Das führt mich zu meiner zweiten Story.
Es war Sonntag und ich hab mit jemandem geschrieben. Die Fotos in seinem Profil waren etwas verpixelt, doch ich dachte mir nichts dabei. Die Sonne schien, einem Spaziergang stand also nichts im weg. Ich wartete eine Weile am vereinbarten Treffpunkt, als meine Verabredung mit seinem Fahrrad ankam. Hmm, dachte ich, sieht irgendwie anders aus als auf den Fotos. Da ich aber festgestellt hatte, dass die wenigsten wirklich authentische Fotos von sich online stellten, habe ich auch hier nicht weiter darüber nachgedacht. Wir begrüßten uns und gingen los, Richtung Parkanlage. Es folgte eine kurze Frage-Antwort-Runde, wobei seine Antworten immer länger wurden, bis ich irgendwann gar nicht mehr zu Wort kam. Ich hatte gemerkt, dass das daraus nichts werden wird und legte mir daher Sätze zurecht, die ehrlich aber nicht verletzend sind. Ich hörte ihn reden, dass seine Freunde sich von ihm abgewandt hatten, weil sie seine Meinung nicht mehr teilten. Da war es mir sofort klar. Ich wusste um welche Meinung es ging, fragte aber dennoch höflich nach. Das war übrigens die letzte Frage, die ich ihm stellte, bevor er mich eine gefühlte Ewigkeit darüber volllaberte, warum man sich nicht impfen lassen sollte und das der Virus ja gar nicht so schlimm wäre. Nach einer halben Stunde konnte ich mich endlich auch mal zu Wort melden. Ich sagte ihm, dass das hier nicht funktioniert und es war mir egal, ob ihn damit verletze. Anstatt mir aber einen Vorwurf zu machen, dass ich ja nur „die Wahrheit“ nicht hören möchte, sagte er einfach „Alles klar“ und ging weg. Als wäre ihm das schon öfter passiert. Mir wurde klar, was mir schon von Anfang an hätte klar sein sollen: Das war definitiv ein Fake-Profil. Als ich es dann melden wollte, war das Match schon aufgelöst. Eine halbe Stunde meines Lebens vergeudet, was meine Schuld war, denn ich hätte ihm gleich sagen sollen, dass ich keine Impfgegnerin oder Corona-Leugnerin bin. Ich frage mich natürlich auch, was es ihm gebracht hat? Wozu dient ein Fake-Profil, wenn man der Person dann Face-to-Face einen Korb geben muss? Da kann man sich so ein Treffen doch auch gleich sparen. Hatte er sich erhofft, ich springe auf seine Fake-News an, nachdem ich jemand völlig anderen erwartet hatte? Falls ja, fehlt ihm einiges an Menschenkenntnis.

Was ist nun die Moral von beiden Geschichten? In beiden fehlt eindeutig die Ehrlichkeit! Zu sagen, wer man wirklich ist oder woran man eigentlich interessiert ist. Fällt uns das wirklich noch immer so schwer? Oder haben wir gelernt, dass es in Ordnung ist zu lügen, wo doch das halbe Internet voller Lügen steckt. Ich finde wir müssen nicht alles machen, was uns unsere Gesellschaft vorlebt. Wenn wir ehrlich zueinander sind, wissen wir, was unser Gegenüber von uns denkt und müssen uns nicht den Kopf darüber zerbrechen, was wir möglicherweise falsch gemacht haben. Außerdem kann konstruktive Kritik seinem Gegenüber möglicherweise noch für das nächste Date helfen.

Bis bald
Eure Rasende Reporterin Caro

Kontaktverbot

Der physische Teil des Sozialleben ist nahezu komplett eingefroren. Kontakte zu Freunden und Familien finden im privaten Leben meist nur noch über Video-Chat und Soziale Medien statt. Familien oder Paare haben jemanden, mit dem sie sich im Alltag arrangieren können. Bei Single-Menschen sieht das anders aus.
Doch wie gestalten sie ihr Leben in der derzeitigen Situation? Findet der Kontakt nur noch über den Bildschirm statt? Eine Umfrage bei „Jodel“ hat ergeben, dass die meisten Single-Menschen den physischen Kontakt zu anderen eingestellt haben. Nur wenige besuchen ihre Familie und noch weniger Freunde. Und wenn doch, dann halten sie den Mindestabstand. Umarmungen? Fehl am Platz. Zum ersten Mal erfahre ich, wie sehr mir Berührungen jeglicher Art fehlen. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal eine erwachsene Person umarmt habe. Wohin mit all dieser Liebe? Vielen Singles geht es wie mir. Sie haben viel Liebe abzugeben. Das kann einen noch einsamer machen, als man sich sonst schon fühlt. Ist es in Zeiten der Kontaktsperre überhaupt noch möglich jemanden kennenzulernen?
Seit längerem halte ich einen kleinen Flirt mit einem Verkäufer auf dem Markt. Jetzt, während der Corona-Pandemie, frage ich mich: Dürfte überhaupt mehr daraus werden als nur ein Flirt? Haben die Menschen eigentlich Angst sich zu treffen? Zum Glück gibt es noch Dating-Apps, sagen viele. Die Gespräche hier werden intensiver, man lernt sich jetzt auf eine andere Art und Weise kennen. Für mich waren diese Apps, bei denen man nach rechts oder links swipen kann, nur oberflächlicher Mist. Ich lerne die Menschen lieber persönlich kennen, dann kann ich ihre Ausstrahlung besser wahrnehmen. Online geht das für mich nicht so richtig. Wo also Menschen kennenlernen, wenn fast alles geschlossen ist und man keine Affinität für 0nlinedating besitzt?
Seit ich zu Hause bleiben muss, nehme ich meine Umgebung viel intensiver war. Ich entdecke viele neue Gesichter, die mir sehr fremd vorkommen. Trotz, dass ich hier aufgewachsen bin. Also gehe ich raus, spazieren. Vielleicht ist da jemand, dem ich auffalle. Vielleich gibt es noch andere Menschen in meiner Nähe, denen physische Nähe fehlt. In den Nachrichten lese ich einige herzergreifende „Corona-Love-Storys“. Trotz Kontaktverbot haben Sie sich gefunden und verliebt. Vom Balkon aus. Mehr brauchte es nicht. Es gibt also noch Hoffnung für all die Singles da draußen. Vielleicht ist es der nette Nachbar, der euch durch den ganzen Alltagsstress noch nie aufgefallen ist, vielleicht läuft euch jemand beim Spazieren gehen über den Weg, den ihr zuvor noch nie wahrgenommen habt. Schon ein kleiner Flirt kann einem den Tag versüßen und ist wie Balsam für die Seele. Manchmal fühlt sich ein freundliches Lächeln von einem interessanten Menschen an wie eine kleine Berührung an. Wagt es also mal. Mit viel Abstand!

Eure Rasende Reporterin Caro